Ex Oriente Lux – Anregungen aus Theologie und Praxis des orientalischen Christentums für den christlich-islamischen Dialog in Deutschland
Bislang wurde der christlich-islamische Dialog in Deutschland wesentlich durch ein Gegenüber der beiden etablierten Großkirchen auf der einen Seite und einem durch die Arbeitsmigration geprägten Islam auf der anderen Seite bestimmt. Dieses Gegenüber mit klaren Zuordnungen ist in Bewegung gekommen: Innerhalb des Islam treffen die bereits ausgebildeten, oftmals türkisch geprägten Strukturen auf die vielen
geflüchteten muslimischen Menschen, die das Spektrum muslimischen Lebens kulturell und religiös erheblich erweitern. Umgekehrt sind auch die christlichen Kirchen nicht mehr mit der einheimischen Bevölkerung deckungsgleich. Vor allem Christen orientalischer und nahöstlich-orthodoxer Kirchen bereichern, bedingt durch Flucht, Migration und Vertreibung, die Bandbreite des christlich-islamischen Zusammenlebens in Deutschland.
Damit ist auch eine Anfrage an das Selbstverständnis des Dialogs gestellt: In Westeuropa war dieser wesentlich durch die Erfahrungen des 20. Jahrhunderts geprägt und suchte einen Neubeginn im bewussten Unterschied zu den christlichislamischen Beziehungen der vorangehenden Jahrhunderte.
Eine neu zu erwerbende Kenntnis des Islam sollte mit einer veränderten Haltung einher gehen, die sich wesentlich in Differenz zur westlichen Kolonialgeschichte und der abendländischen Unkenntnis der islamischen Traditionen bestimmt.
Demgegenüber ist das Selbstverständnis vieler Christen aus den nahöstlichen Kirchen gekennzeichnet durch die Kontinuität ihrer Erfahrungen in einer islamisch geprägten Gesellschaft. Das Christentum sieht sich hier nicht in der Rolle der Machtausübung und der Aggression, sondern in der Rolle des Beherrschten und Erleidenden. Dem Dialog wird mit Nüchternheit, Skepsis, mitunter auch Ablehnung begegnet. Zugleich aber tragen die nahöstlichen Kirchen eine breite Tradition der intellektuellen auseinandersetzung mit dem Islam mit, so dass für sie die ernsthafte Kenntnis des Islam und die theologische Auseinandersetzung mit ihm nicht erst ein Ereignis des 20. Jahrhunderts ist.
Insgesamt tritt somit dem Paradigma der Diskontinuität und der neu zu erlangenden Kenntnisse das Paradigma der Kontinuität und des traditionellen Wissens gegenüber. Die fünfte CIBEDO-Werkstatt möchte einen ersten Schritt in dieses neue Feld tun und den Fragen nachgehen: Welche Bedeutung hat
die Präsenz nahöstlicher Christen für den Dialog? Welchen Beitrag haben Theologen der nahöstlichen Kirchen sowohl in dem Reichtum ihrer Traditionen als auch in gegenwärtigen Ansätzen zu bieten? Ist das Dialogverständnis zu erweitern, neu zu akzentuieren oder anders zu formulieren?
Herzlich laden wir Sie zur Werkstatt ein und freuen uns auf Ihr Kommen!
Dr. Timo Güzelmansur
CIBEDO e. V.
Jun.-Prof. Dr. Tobias Specker SJ
PTH Sankt Georgen