CIBEDO-Beiträge 1/2026 ist im Druck
Liebe Leserinnen und Leser,
die erneute militärische Eskalation im Nahen Osten, insbesondere der Konflikt um den Iran, macht einmal mehr deutlich, wie schnell politische Auseinandersetzungen religiös gedeutet oder instrumentalisiert werden können.
Auch wenn die Ursachen dieser Konflikte in erster Linie geo- und sicherheitspolitischer Natur sind, wirken sich solche Entwicklungen auf das Verhältnis zwischen religiösen Gemeinschaften weit über die Region hinaus aus. Für den interreligiösen Dialog bedeutet dies eine doppelte Herausforderung: Einerseits gerät er unter den Druck öffentlicher Polarisierungen, andererseits erweist er sich gerade in solchen Situationen als unverzichtbarer Raum. In ihm können religiöse Traditionen nicht gegeneinander ausgespielt, sondern als Ressourcen für Frieden, gesellschaftlichen Zusammenhalt und ein respektvolles Zusammenleben fruchtbar gemacht werden.
Dass der interreligiöse Dialog heute zu den selbstverständlichen Aufgaben kirchlichen Handelns gehört, ist unter anderem eine Frucht des Zweiten Vatikanischen Konzils. Im Jahr 2025 jährte sich die Veröffentlichung des zentralen Konzilsdokuments Nostra aetate über das Verhältnis der Kirche zu den anderen Religionen zum 60. Mal. Diese Erklärung markiert einen entscheidenden Wendepunkt im Selbstverständnis der Kirche in einer religiös pluralen Welt und setzte Maßstäbe für eine Haltung des Respekts, der Verständigung und Zusammenarbeit, die bis heute die Grundlage vieler Formen des interreligiösen Dialogs bilden und insbesondere das christlich-islamische Gespräch nachhaltig geprägt haben.
Die Aktualität dieser Perspektive zeigt sich auch in jüngeren kirchlichen Initiativen. So hat die Deutsche Bischofskonferenz Ende Februar eine neue Arbeitshilfe zu christlich-muslimischen Beziehungen veröffentlicht. Diese greift Erfahrungen aus mehreren Jahrzehnten Dialogarbeit auf und soll der kirchlichen Praxis als Orientierung dienen. Zugleich wird deutlich, dass die vom Zweiten Vatikanischen Konzil angestoßenen theologischen und pastoralen Entwicklungen fortgeführt und in veränderte gesellschaftliche Kontexte übertragen werden müssen.
Das Jubiläum des Konzils bot Anlass, den universalen Anspruch des christlichen Glaubens in einer religiös vielfältigen Welt, die Rolle von Mission und interreligiösem Dialog im Selbstverständnis der Kirche sowie Perspektiven für das christlich-islamische Verhältnis zu reflektieren.
Vor diesem Hintergrund widmete sich eine Kooperationsveranstaltung vom Institut für Weltkirche und Mission mit dem Lehrstuhl für Katholische Theologie im Angesicht des Islam und CIBEDO den Konzilserklärungen Nostra aetate und Ad gentes unter dem Thema „Universalismus als Herausforderung für Mission und interreligiösen Dialog“.
Die Beiträge dieser Ausgabe greifen zentrale Impulse dieser Tagung auf. Die Dokumentation der Tagung sowie weitere Materialien sind über die angegebenen Abrufdaten zugänglich. Sie sollen dazu beitragen, die in dieser Ausgabe angestoßenen Überlegungen weiterzuführen und den Austausch zwischen Theologie, interreligiöser Praxis und gesellschaftlicher Verantwortung zu vertiefen.
In diesem Sinne viel Freude bei der Lektüre dieses Heftes.
Ihr Timo Güzelmansur
Inhalt
Studien
Den Raum eröffnen. Universalismus als prophetische Aufgabe in interreligiöser Verantwortung
Michaela Quast-Neulinger
Universaler Heilswille Gottes im Spannungsfeld von Mission, interreligiösem Dialog und Kirche. Impulse aus Ad gentes und Nostra aetate
Johanna Rahner
Universalität ist ein Tätigkeitswort. Zur politischen Philosophie des islamischen Philosophen Souleymane Bachir Diagne
Tobias Specker SJ
Dokumentation
Grußbotschaft von Monsignore Indunil J. Kodithuwakku K. zur Tagung „60 Jahre Nostra aetate und Ad gentes. Universalismus als Herausforderung für Mission und interreligiösen Dialog“
digital, 24. Oktober 2025
Ansprache von Papst Leo XIV. während der Begegnung mit den Autoritäten, den Repräsentanten der Zivilgesellschaft und dem diplomatischen Korps
Ankara 27. November 2025
Ansprache von Papst Leo XIV. auf dem ökumenischen und interreligiösen Treffen
Beirut, 1. Dezember 2025
Berichte
Interreligiöser Dialog in Myanmar. Erfahrungen von Erzbischof Marco Tin Win
Josefine Wahle
Von der christlichen Spitalseelsorge zur interreligiösen Spiritual Care. Entstehung, Begründung und Perspektiven muslimischer Spital- und Klinikseelsorge im Kanton Zürich
Sabine Zgraggen
Buchbesprechungen
Grün, Anselm/Karimi, Ahmad Milad: Den Schmerz verwandeln. Eine interreligiöse Reise zu spiritueller Heilung
Brigitta Sassin
La Marca, Teseo: Die fehlgeleitete Islam-Debatte und ihre Folgen. Ein notwendiger Realitäts-Check
Sebastian Prinz
Literaturhinweise
Zeitschriftenschau